Am 9. Mai 1968 nahmen neben 116 Grossräten auch erstmals 14 Grossrätinnen im Basler Parlament Platz. Heute Abend luden der Grosse Rat und der Verein frauenrechte beider basel zur 50-Jahre-Jubiläumsfeier. Unter dem Titel «Laute Töne, leise Töne – Was wurde erreicht?» blickten rund 150 bisherige Grossrätinnen und Gäste zurück und erinnerten an viele Rechte, die es für die Frauen nach 1968 noch durchzusetzen galt.

«Meine Damen und Herren!» Mit diesen Worten eröffnete der Alterspräsident am 9. Mai 1968 die neue Legislatur und liess das bis anhin reine Basler Männerparlament Vergangenheit werden. Die 14 neuen Ratskolleginnen nahmen eine doppelte Vorreiterrolle ein, war Basel-Stadt doch der erste Deutschschweizer Kanton, der den Frauen den Einzug ins Parlament ermöglichte.

Den Aufbruch von frau ins Basler Rathaus inszenierten am Jubiläumsabend junge Schauspielerinnen, die Bügelbrett und Baby alsbald mit Politdossiers und Rednerpult tauschten. Grossratspräsident Remo Gallacchi übernahm die Rolle des damaligen Alterspräsidenten.

Der Theatereinlage folgten kurze Video-Interviews mit acht früheren Grossrätinnen, die einer Zeitreise gleich kamen. Viele Rechte und Anliegen, bei denen die Frauen einen neuen Blick einbrachten, waren nach 1968 noch durchzusetzen: etwa, nach der Heirat das Bürgerrecht zu behalten oder als Frau ein Tram zu lenken, erinnerte sich Christine Heuss (FDP). Ein politischer Dauerbrenner waren Betreuungsangebote für Kinder. Anita Fetz (SP) sprach über die «lauteren Töne» der starken feministischen Bewegung der 1980er Jahre. Am Schluss waren sich die Zeitzeuginnen einig: Im Grossen und Ganzen ist die gesetzliche Gleichstellung heute erreicht; in der Umsetzung bleibe allerdings noch manches zu tun. Mit Regina Wecker, Professorin für Frauen- und Geschlechtergeschichte, kam auch die Wissenschaft zu Wort.

Die Frauen seien in der Geschichte lange vergessen gegangen, stellte Dominique König-Lüdin, Grossratspräsidentin 2016 und Schirmherrin des Anlasses, fest. «Wir möchten feiern, aber auch einen Beitrag zur Aufarbeitung der Basler Geschlechter- und Parlamentsgeschichte leisten». Unter den vielen Gästen durfte sie zwei Pionierinnen von 1968, Louise Stebler und Rosemarie Berger-Kartaschoff, begrüssen.

Tat statt Tugend: Politikerin statt Justitia oder Veritas

Im Anschluss an die Feier im Grossratssaal enthüllte Regierungspräsidentin Elisabeth Ackermann ein Bronzeporträt der ersten Grossratspräsidentin und ersten Basler Nationalrätin Gertrud Spiess (CVP). Das Porträt, das 1984 von der Bildhauerin Helen Balmer geschaffen wurde, empfängt nun bis auf weiteres Besucherinnen und Besucher und will ihnen einen Denkanstoss geben: Wie steht es mit der Darstellung von Frau im Rathaus? Auf Rundgängen mit Michela Seggiani, Projektleiterin in der Abteilung Gleichstellung von Frauen und Männern Basel-Stadt, konnten die Teilnehmenden feststellen: Frauen sind fast immer als Allegorie dargestellt, die reale Politikerin fehlt – bis jetzt.

Weitere Auskünfte

Dominique König-Lüdin, Grossrätin, Telefon +41 79 658 45 37

Wichtigste Eckdaten

Basel-Stadt hat das Frauenstimmrecht im Juni 1966 eingeführt, als erster Kanton der Deutschschweiz. Knapp zwei Jahre darauf, am 17. März 1968 fanden die ersten Grossratswahlen statt, bei denen die Baslerinnen mitwählen und auch kandidieren konnten; für den Regierungsrat fand sich noch keine Kandidatin. 14 Grossrätinnen aus sechs Parteien wurden gewählt. In den ersten Legislaturen stellten die bürgerlichen Parteien die Mehrheit der Frauen.

Fotos zum Anlass siehe Bildergalerie

Zur Darstellung der Frau im Rathaus: Flyer "Frau wird hörbar. Frau wird sichtbar"

 

 

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